Themabewertung:
  • 0 Bewertung(en) - 0 im Durchschnitt
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
Trudels Problematik
#1
Hallo

Das wird nun ein etwas längerer Beitrag, doch ich möchte euch ziemlich genau berichten, welche Probleme wir haben.

Als Trudel vor etwas mehr als 4 Jahren im Alter von 8 Wochen bei uns einzog, war sie ein ganz normaler Welpe. Aufgeschlossen, neugierig, unerschrocken und freundlich zu allen Menschen. Sie entwickelte sich prächtig und es war wunderbar mit welcher Freude sie an neue und ungewohnte Dinge heranging.

Mit 5 Monaten ging es zur Jüngstenbeurteilung. Alle Wurfgeschwister waren dort und Trudel kriegte sich kaum ein vor Freude. So viele tolle Gleichgesinnte. Irgendwann waren wir dran, Trudel tobte mit mir in den Ring und hopste auf die Körmeisterin zu. Diese klatschte erfreut in die Hände und meinte: "Was bist du denn für ein quirliges Hundchen? Da kann ich ja gleich mal deine Rute fühlen." Sprach`s, beugte sich über und ergriff den Schwanz. In diesem Moment fiel meine Trudel in sich zusammen. Stress, Rute eingeklemmt und keinen Mucks mehr. Der Rest des Tages war ein Grauen. Trudel klebte an mir, stand zwischen den anderen herum wie Falschgeld und sah nur unglücklich aus.

Von diesem Tag an war alles anders. Sie war nicht mehr derselbe Hund. Alles Neue und auch viele Dinge, die sie schon gewohnt war bereiteten ihr Angst. Vor dem Staubsauger flüchtete sie, sie erschrak sich vor einem herunterfallenden Blatt. Lag ein Ast auf dem Weg, der gestern noch nicht dort lag, brauchten wir ewig, bis sie sich traute vorbeizugehen. Ins Ruderboot ging zunächst garnicht mehr, über Baumstämme klettern war nicht drin. Vor einigen Menschen, die sie schon gut kannte, scheute sie zurück. Das Schlimmste aber waren Fremde. Wenn wir jemandem begegneten, machte sie einen großen Bogen. Sprach uns derjenige an, war alles vorbei. Sie stürmte auf ihn los, umkreiste ihn kläffend (immer schön das Gewicht auf der Hinterhand verlagert) vor - zurück - vor - zurück. Und sie war nicht mehr ansprechbar.
Angst, unsicheres Wesen, gepaart mit dem heftigen Wehrtrieb eines Hovawartes. Eine fatale Mischung.

Als feststand, dass ich einen Welpen aus diesem Wurf bekommen würde, erhielt ich unzählige Mails und Anrufe. Glückwünsche, weil das die Verpaarung des Jahres sei. Allerdings war auch unsere Züchterin nach 1 Jahr überhaupt nicht mehr glücklich. Eine Schwester von Trudel hatte im Alter von 1 Jahr schon 2x einen Mennschen ernsthaft gebissen. Ein Bruder war sein Herrchen in der Küche mehr oder weniger heftig angegangen.
Die Züchterin forschte nun genaustens nach und es stellte sich heraus, dass in der Linie des Vaters mehrere Hunde nicht ganz "sauber" sind. Viele Keifer und der Rüde selbst kann in gewissen Situationen nur mit massivem Druck geführt werden . TOLL!!!

Nun fing ich ganz von vorne an.

Zum Einen Selbstsicherheit aufbauen. An alles Neue mit einer Engelsgeduld herangehen. Vieles habe ich erclickert. Heute turnt Trudel mit Freude über Wippen und Holzstapel, liebt es mit uns im Boot zu fahren usw. Doch immer wieder stoßen wir auf etwas, was ihr Angst bereitet.

Zum Anderen die Geschichte mit Menschen.

Hier habe ich zunächst nur mit Leine gearbeitet. Wenn ich jemanden kommen sah, Leine dran. Sie sollte überhaupt nicht auf die Idee kommen, hier irgendetwas regeln zu können oder zu müssen. Ich habe Trudel absitzen lassen und habe mich ausgiebig unterhalten. Striktes Anfassverbot und gegen meine eigentliche Überzeugung habe ich darum gebeten, Leckerchen in den Hund zu werfen. Nach ca. 1 Jahr habe ich das ohne Leine gemacht und es funktionierte prima. Nach dem Leckerchen bat ich, Trudel schnuffeln zu lassen und erst nach geraumer Zeit, sie seitlich mit der Hand zu berühren.

Heute ist der Status Quo: Wenn aus der Ferne ein Spaziergänger zu sehen ist, bleibt Trudel stehen, schaut mich an und fragt nach. Wenn wir die Person gut kennen, darf sie hin und begrüßen. Ist es ein Fremder, geht sie Fuß. Das klappt ganz gut.
Am Tor macht sie ein Riesenspektakel (kann man einem Hovawart wohl nicht abgewöhnen?) und orientiert sich an mir. Wenn ich den Besucher freudig begrüße, ist alles okay.
So kann man mich beobachten, wie ich den Schornsteinfeger, der Stromableser, Paketzusteller o.ä. mit "Ooooh, schööööön, dass sie da sind. Das ist aber nett" mit Augen rollen begrüße.
Allerdings muss ich auch hier immer noch aufpassen, wie jemand versucht, Trudel zu berühren. Tut es einer von oben auf sie herab, zuckt sie wieder zurück und kläfft.

Wir sind so weit, dass ich sie überall, auch in größere Menschenmengen mitnehmen kann. Vor einiger Zeit habe ich mich von einer Bekannten übereden lassen, mit zu einer Schau zu gehen. Als der Richter kam, bedeutete ich ihr, dass alles okay sei und sie ließ sie anstandslos die Zähne kontrollieren. Dieser Moment war für mich ein inneres Blumenpflücken, so glücklich war ich.

Es war mein größter Wunsch, selber einmal Hovawarte zu züchten. Leider musste ich diesen Traum begraben. Rein optisch und von der Gesundheit her betrachtet, wäre Trudel wohl perfekt. Aber ihre Anlagen dürfen nicht weiter vererbt werden.
Ich habe auch keine weiteren Körungen mit ihr gemacht, weil dort leider immer noch großer Wert auf Verteidigung und Wehrtrieb gelegt wird. Das kann ich mit ihr nicht.

Ich weiß, ich werde ein ganzes Trudelleben lang immer wieder managen müssen, aber es gibt auch immer wieder diese kleine Höhepunkte. Und die zählen.

Ach, eins habe ich vergessen (bestimmt noch mehr): Im Umgang mit anderen Hunden gibt es keinerlei Probleme. Trudel ist bei fremden Hunden zwar zunächst etwas vorsichtig, taut dann aber sehr schnell auf. Sie ist kontakt- und spielfreudig und hatte noch keinerlei Konflikte.
Gerti und Trudelinschen


Unvergessen Olga und Gustl
Antworten
#2
Hallo Gerti,

was mir als erstes eingefallen ist, als ich Deinen Beitrag las,
ist denn sonst gesundheitlich mit ihr alles OK?
[Bild: 5178377.jpg]

Liebe Grüße,
Jasmin und die spanische Bande!

Man kann auch ohne Hund leben, aber es lohnt sich nicht!
Heinz Rühmann




Antworten
#3
Ja, Jasmin

Trudel ist komplett gesund. Alles abgeklärt.
Gerti und Trudelinschen


Unvergessen Olga und Gustl
Antworten
#4
(21.06.2010, 17:31)Trudel schrieb: Es war mein größter Wunsch, selber einmal Hovawarte zu züchten. Leider musste ich diesen Traum begraben. Rein optisch und von der Gesundheit her betrachtet, wäre Trudel wohl perfekt. Aber ihre Anlagen dürfen nicht weiter vererbt werden.
Ich habe auch keine weiteren Körungen mit ihr gemacht, weil dort leider immer noch großer Wert auf Verteidigung und Wehrtrieb gelegt wird. Das kann ich mit ihr nicht.


Du zeigst GRÖSSE, tolle Einstellung.

LG Omi
Antworten
#5
ja, da stimme ich Sabine zu, das ist die richtige Einstellung.
[Bild: 5178377.jpg]

Liebe Grüße,
Jasmin und die spanische Bande!

Man kann auch ohne Hund leben, aber es lohnt sich nicht!
Heinz Rühmann




Antworten
#6
Das klingt alles ganz schön heftig. Respekt für das, was Du Dir mit ihr erarbeitet hast. Diese Mischung aus "Defekt" und Hovi-Veranlagung ist wahrlich brisant, es gäbe viele Menschen, die daran scheitern würden.

Auf einer Veranstaltung in Süddeutschland traf ich auf eine Hundeführerin und ihren Hund, die hatten ähnliche Probleme. Dieser Hund leidet unter der bei Hunden seltenen Schilddrüsen-Überfunktion. Sie waren bis in der Schweiz, um sich helfen zu lassen, allerdings mit bis dato kaum Erfolg. Ich nahm dann auch spontan wieder Abstand von der Zucht, für die ich mich zunächst interessierte. Allerdings nicht nur aus diesem Grund.

Der Rest der Nachzucht, die ich dort beobachten konnte, erschien mir auch einfach nur übersteuert.

Temperament ist schön, aber ein Hovawart zeichnet sich für mich auch durch Ruhe aus.

LG Anja
[Bild: b18ft3cnd1u8rdgsa.jpg]
Antworten
#7
Kann man eine Überfunktion nicht genauso mittels SD Blutwerte feststellen wie eine Unterfunktion?

An SD dachte ich nämlich auch, als ich das las aber Gerti sagt ja, alles gecheckt und ok.
[Bild: 5178377.jpg]

Liebe Grüße,
Jasmin und die spanische Bande!

Man kann auch ohne Hund leben, aber es lohnt sich nicht!
Heinz Rühmann




Antworten
#8
Ja, es ist tatsächlich alles gecheckt.

Außerdem vermute ich mal, dass die Auswirkungen einer Schilddrüsenfehlfunktion nicht so von jetzt auf gleich auftreten, sondern eine eher schleichende Veränderung bringen. Ich meine, weil ja bis zum Tage X alles normal verlief.
Außerdem gibt es ja auch noch die "Belege" für die genetischen Ursachen.

Glaubt mir, ich würde 3 Kreuze vor Freude machen, wenn ich eine behandelbare klinische Begründung hätte.

Im Übrigen gibt es diese Vorfälle nur in Trudels Wurf, dem B Wurf. Die Züchterin hatte letztes Jahr ihren D Wurf und alle - außer Trudels - brachten super ausgeglichene und wesensfeste Hunde hervor.
Gerti und Trudelinschen


Unvergessen Olga und Gustl
Antworten
#9
Da habt ihr ja einiges mitgemacht.
Eine Frage: Gibt es einen Zusammenhang mit dem Berühren der Rute oder war das nur der Auslöser für alles?

Oder wäre es sonst anders gekommen?

Ich habe ja auch einen ängstlichen Hund, aber geht nie nach vorne und bellen tut er so gut wie nie.
Antworten
#10
Hallo Maria

Eine exakte Antwort auf deine Frage kann ich dir leider nicht geben.

Also, Trudel hat prinzipiell überhaupt kein Problem damit, wenn ich, Herrchen oder eine Person, die sie mag ihre Rute berühren. Es ist nichts, wo man sagen könnte, es bereitet ihr von Grund auf Unbehagen, es ist ihr ziemlich egal.
Ich denke eher, dass diese ganze Situation der Auslöser für das war, was schon in ihr geschlummert hat. Wäre es da nicht passiert, dann später.

Vielleicht war auch gerade das Alter das Richtige für eine solche Reaktion. Aber ich kann das alles nur vermuten. Sie spricht nicht mit mir über dieses Thema. verwirt

Dass dein Hund in Situationen, die ihm nicht geheuer sind, nicht nach vorne geht, liegt mit Sicherheit auch daran, dass er eben kein Hovawart ist. Wie schon gesagt wird bei dieser Rasse bei den ZTP leider auf Wehrtrieb geprüft. M.E. für eine Rasse, die eh schon ein sehr eigenständiges Verhalten hat, nicht sonderlich prickelnd.

Deshalb, sei froh, wenn dein ängstlicher Hund sich eher verzieht. Das ist erheblich einfacher zu händeln. Auch wenn es einem sicher oft Leid tut.

Viele Grüße
Gerti und Trudelinschen


Unvergessen Olga und Gustl
Antworten




Benutzer, die gerade dieses Thema anschauen: 1 Gast/Gäste