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Wird sie ein Servicehund light oder ein netter Trick-Hund?
#1
An dieser Stelle möchte ich gerne ein Projekt vorstellen, an dem ich mit Sandra, meiner Assistentin, seit einigen Wochen arbeite und welches uns sehr viel Freude bereitet und eine echte Herausforderung für alle Beteiligten bedeutet.

Über die Hundeschule fand ein Ehepaar um die 60 mit einem damals 7 Monate alten Mix aus vermutlich Whippet und DSH zu uns. Er, an der Lunge erkrankt und körperlich nach wenigen Schritten außer Atem, sie, Multiple Sklerose im fortgeschrittenen Anfangsstadium.

Meine erste Reaktion war, der Hund muss da weg. Das ließ ich auch dezent durchblicken, in dem ich den beiden sehr deutlich die Bedürfnisse des Hundes und seine Lebensaussichten bei ihnen beschrieb. Parallel erkannte ich den eisernen Willen, dieses Tier zu behalten, was kurz zuvor bereits aus zweiter Hand geholt wurde.

In einer schlaflosen Nacht nach der Begegnung keimte dann der Gedanke, dem Hund einen Job in dieser Familie zu verschaffen und mir selbst eine Trainingsmöglichkeit in Richtung Hundeausbildung in einem Bereich, an den ich mich bis dato nicht heran getraut habe.

So entstand das Projekt "Sheila", an dem Sandra und ich mit den Besitzern nun seit Anfang Juli regelmäßig ehrenamtlich arbeiten.

Für mich ist fast alles bei dieser Arbeit neu, oft fühle ich mich wie in der Waschmaschine beim Schleudergang, aber wir haben stetige kleine und größere Erfolge, die uns Mut machen, nicht auf dem völligen Holzweg zu sein.

Zunächst steht die Grunderziehung der kleinen Dame und das Heranführen an Umweltreize im Vordergrund. Vieles erarbeiten wir vorab unter uns, um es dann auf die Besitzer im kleinen Rahmen Stück für Stück zu übertragen.

So lernten sie z.B. bereits, dass Sheila in ihr Körbchen geht und dort so lange bleibt, bis sie ihr Auflösesignal bekommt. Auch die Leinenführigkeit ist schon richtig gut geworden.

Wir konditionieren sie auf Target bzw. bei Frauchen auf die Handfläche.

Wir konditionieren sie auf Hundepfeife, da Frauchen krankheitsbedingt Mühe mit Rufen hat.

Wir fahren mit ihr an verschieden Orte der Stadt und zeigen ihr "schreckliche" Dinge zu meistern. Das kann auch schon mal eine simple Treppe sein oder ein langsam anfahrender Bus.

Wir machen Bordsteintraining, sie lernt, dass man im Angesicht von anderen Hunde nicht durchdrehen muss und natürlich wird sie weiter noch leinenführiger in allen möglichen Situationen gemacht.

Einmal haben wir bisher auch mit ihr longiert, weil ich es als interessante Möglichkeit sehe, diesen Hund körperlich auszulasten, auch wenn der Mensch stark bewegungseingeschränkt ist.

Als Ziel haben wir zunächst, die Grunderziehung so zu schaffen, dass die beiden sie mühelos führen können und sie einfach gehorsam ist.

Die Kür dieser Aufgabe wird danach sein, Sheila an Alltagstätigkeiten heran zu führen, die Frauchen mittel- bis langfristig entlasten und vor allem dem Hund Auslastung bieten sollen.

Allerdings, und das gebe ich ganz offen zu, habe ich oft Angst vor meiner eigenen Courage, wenn dann mal wieder beim Arbeiten ein Meterdickes Brett vor meinem Kopf baumelt oder ich die unterstützenden Gedanken von Thomas zwar ganz grob nachvollziehen kann, mir aber de facto die Idee für eine praktische Umsetzung noch fehlt.

Somit schwanken meine Gedanken zwischen "Sheila wird ein Servicehund light" und "Sheila wird ein gut erzogener Familienhund, der noch ein paar hilfreiche Tricks auf Lager hat".

Die Zeit wird es weisen, in welche Richtung die Reise geht. Die Faktoren, die diesen Ausgang beeinflussen sind vielschichtig, aber wer mich kennt, der kennt auch mein Terrierwesen, das Ziele, die erst einmal im Focus sind, so schnell nicht mehr los lässt.

Ich poste dieses Thema im PfotenLexi nicht, weil ich Komplimente suche, sondern weil wir glauben, dass ein paar mehr Augen, die nicht vor Ort mitten im Thema stecken, vielleicht Dinge sehen, die wir vergessen und uns fachlich immer mal einen dezenten Tritt in den Allerwertesten verpassen können.

LG Anja
[Bild: b18ft3cnd1u8rdgsa.jpg]
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#2
Anja, ich habe ja deinen Beitrag damals schon gelesen freuen Ich finde es toll das ihr vortschritte macht!!

Ich denke es ist die größte Bereicherung für einen Trainer, wenn man die Chance bekommt Erfahrungen zu sammeln.
Klar wird es ein stetiges auf und ab sein, mit vielleicht auch harten Rückschlägen, aber ich finde das das sehr wichtig für euch ist. Mal lernt doch nur wenn man es mal gemacht hat, die ganze Theorie muß man ja auch umsetzten können!!!

Ich freu mich das Ihr noch am Ball seit
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#3
Herrchen und Frauchen kommen übrigens dienstags meist in eine ganz normale Junghundegruppe der Hundeschule, damit sie auch regelmäßig eingebunden sind und unter Ablenkung mit anderen arbeiten können. Gestern war Hundeschule und Herrchen machte mit, als ich meine Schleppkeinenarbeit zeigte. Dabei geht es mir darum, dass die Hunde lernen, den Hundeführer zu beobachten und ihm und seinen Körperbewegungen zu folgen.

Zusätzlich trainieren wir darüber auch den sichern Rückruf unter Ablenkung.

Beides lief bei Herrchen UNGLAUBLICH gut. Er brauchte auch die Pfeife nicht, die wir ja hauptsächlich für Frauchen konditioniert haben, und die wir auch selbst benutzen. Für ihn war das ein tolles Erfolgserlebnis, da die beiden in der Gruppe natürlich schon eine gewisse Sonderstellung haben und manches auch einfach nicht mitmachen können.

Heute waren Sandra und ich mit Sheila wieder in der Stadt. Sie lief von Anfang an super, die Leinenführigkeit ist wirklich schon recht gut, sie zieht praktisch nicht mehr, nur läuft sie nicht konstant auf einer Seite, aber das ist momentan auch noch nicht so wichtig.

Wir übten zum dritten Mal so nebenbei das richtige Auswickeln bei im Weg stehenden Pfosten, größtenteils geht sie inzwischen schon so, dass sie sich gar nicht erst einfädelt.

Bordsteintraining ist immer dabei, in der Stadt sind die ja auch wirklich vielfältig, das klappt auch schon recht gut.

Dann besuchten wir ein Kaufhaus, fuhren Fahrstuhl, benutzten das Treppenhaus dort, alles kein Problem. Sie schaute sich die automatische Ausgangstüre an und fand die nach ein paar Mal auf und zu auch schon gar nicht mehr so komisch.

Was sie nicht wollte, war in ein seichtes Brunnenbecken ein Pfötchen rein zu setzen. Es gibt 2 Becken. Das eine ist quasi leer, da ging sie nach kurzem Zögern rein, das andere hat fließendes, ca. 3 cm tiefes Wasser. Puh, wie gruselig sie das fand...

Rolltreppen anzusehen war auch etwas gruselig, genauso wie über eine Etage durch ein Glasgeländer hinab zu sehen. Aber wir strahlten immer daneben Ruhe aus, ließen sie beobachten, beachteten sie teilweise nur aus dem Augenwinkel und gingen weiter, wenn sie sich entspannte.

Menschen NICHT anzurüsseln, die einem in der Enge der Wege so begegnen, war auch ein Thema. Da arbeiten wir aber noch dran zwinkern . Da sie "nein" ziemlich gut beherrscht, nutzen wir dieses Wort für den Abbruch des auf die Menschen Zugehens.

Danach gingen wir noch etwas Fuß mit Hörzeichen durch die Fußgängerzone. Immer nur ein paar Meter, dann wird es aufgelöst und sie darf die Leinenlänge nutzen.

Der Bahnhof stand auch noch einmal auf dem Programm. Es fuhr ein Zug ein, auf dem Bahnsteig übten wir Platz mit Korrktur, aber noch ohne Hörzeichen. Der Zug war kein Problem, das Einsteigen dann schon. Die Vorderpfoten sind immer relativ mutig, aber den Hintern nachzuschieben... puh... Sie hat es aber geschafft und ging dann hinter mir durch den engen Gang, ohne Menschen anzurüsseln, anfangs recht beeindruckt, zum Ende hin relativ entspannt.

Beim letzten Mal, als wir auf dem Bahnhof waren, da war sie teilweise kaum bis gar nicht ansprechbar.

Den anfahrenden Bus mussten wir dann auch noch haben, und siehe da, keinerlei Reaktion. Letztes Mal machte sie einen mords Satz nach hinten.

Fazit: Sheila zeigt man etwas Neues, zum Teil zeigt sie sich schon beeindruckt, aber beim nächsten Mal tut sie so, als hätte sie nie etwas anderes gemacht.

Ihre Lernfähigkeit fasziniert uns jedes Mal aufs Neue.

Menschlich gesehen ergab sich heute noch durch Zufall ein heikles Thema, was wir irgendwie relativ elegant und humorig angesprochen hatten. Wir müssen ja eine Rollstuhl- und Rollatorgewöhnung machen. Mir war immer himmelangst davor, dies anzusprechen, da ich jemandem, der NOCH halbwegs gehen kann, nicht mit seinen düstersten Aussichten kommen mag. Wir müssen das aber trainieren, je eher, je besser.

So ritt mich heute beim Besprechen der Teufel und ich sagte das mit dem Rollstuhl so ein Wenig in einem Nebensatz zu Sandra, und Herrchen griff das SOFORT dankbar auf und meinte, er redet wohl schon länger, dass sich Frauchen einen Gehwagen/Rollator besorgen soll, weil sie wohl inzwischen wirklich oft stürzt.

Somit war ihm geholfen, wir konnten offen darüber reden, machten da auch kein Drama draus, sondern blieben sachlich und verständnisvoll, ohne zu bemitleiden. Wenn sie sich nun das Teil besorgt, nur damit wir trainieren können, dann hat sie es auch zuhause, wenn sie es dann wirklich braucht. Und wenn es anfangs nur für schlechte Tage ist.

Mir ist ein riesen Stein vom Herzen gefallen, dass wir das so positiv anreißen konnten. Dieses Training wird sicher auch sehr interessant, da ich sowas natürlich auch noch nie gemacht habe.

Es hat mal wieder sehr viel Spaß gemacht, Sandra hat Sheila heute den Löwenanteil der Zeit geführt. Sie macht ihre Sache super gut. Es sind Kleinigkeiten, die ich mal anmerke. Zudem mache auch ich teilweise Fehler oder revidiere etwas, während wir arbeiten, weil sich zeigt, dass es nicht so der Klopfer ist.

Wir haben beobachtet, dass Sheila schnell ungeduldig wird und dann fiepst. Wenn man also mal etwas länger irgendwo steht, dann wird gleich gemault. Weitergehen, voran gehen ist toll. Somit haben wir uns überlegt, dass wir diese Weitergehen auch als Bestätigung einsetzen können und an diesen Stellen wieder Futter oder Clicker einsparen können.

Es sieht also derzeit so aus, dass Dinge, die noch nicht richtig sitzen oder speziell verfeinert werden sollen, mit Clicker bestätigt werden, aber die Einheiten, die schon klappen, mit Weitergehen selbstbelohnend sind.

Ich hoffe, dass wir damit auf dem richtigen Weg sind, da auch dies für mich Neuland ist.

LG Anja
[Bild: b18ft3cnd1u8rdgsa.jpg]
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#4
Anja schrieb:...immer mal einen dezenten Tritt in den Allerwertesten verpassen können.
Einen gewaltigen Tritt in den Allerwertesten, bekommt ihr für das Klickertraining! lachen
Lernen mit Zeitverzögerung scheint immernoch nicht ganz Bedeutung gefunden zu haben.
Wenn die Sonne niedrig steht, werfen selbst Zwerge einen langen Schatten.



Liebe Grüße von der Mecklenburgischen Seenplatte
Thomas
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#5
Ist das Klickertraining nicht gut?
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#6
Anja schrieb:Heute waren Sandra und ich mit Sheila wieder in der Stadt. Sie lief von Anfang an super, die Leinenführigkeit ist wirklich schon recht gut, sie zieht praktisch nicht mehr, nur läuft sie nicht konstant auf einer Seite, aber das ist momentan auch noch nicht so wichtig.
Das nenne ich schönreden. Wann wird es wichtig und woran liegt es dass es jetzt nicht umzusetzen ist?
Anja schrieb:Danach gingen wir noch etwas Fuß mit Hörzeichen durch die Fußgängerzone. Immer nur ein paar Meter, dann wird es aufgelöst und sie darf die Leinenlänge nutzen.
Warum?
Anja schrieb:Beim letzten Mal, als wir auf dem Bahnhof waren, da war sie teilweise kaum bis gar nicht ansprechbar.
Warum sprecht ihr sie an, wenn sie Reize neu entdecken will?
Wenn die Sonne niedrig steht, werfen selbst Zwerge einen langen Schatten.



Liebe Grüße von der Mecklenburgischen Seenplatte
Thomas
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#7
amazone schrieb:Ist das Klickertraining nicht gut?
Annette nicht für einen Servicehund
Wenn die Sonne niedrig steht, werfen selbst Zwerge einen langen Schatten.



Liebe Grüße von der Mecklenburgischen Seenplatte
Thomas
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#8
Thomas schrieb:
Anja schrieb:Heute waren Sandra und ich mit Sheila wieder in der Stadt. Sie lief von Anfang an super, die Leinenführigkeit ist wirklich schon recht gut, sie zieht praktisch nicht mehr, nur läuft sie nicht konstant auf einer Seite, aber das ist momentan auch noch nicht so wichtig.
Das nenne ich schönreden. Wann wird es wichtig und woran liegt es dass es jetzt nicht umzusetzen ist?
Bei den 2 Gängen in der Stadt, die wir bisher hatten, ging es uns darum, sie zunächst in dieser unbekannten Reizsituation zu beobachten und die Bedingung war nur, dass sie nicht zieht und sich ansonsten die Gegend ansieht.

Thomas schrieb:
Anja schrieb:Danach gingen wir noch etwas Fuß mit Hörzeichen durch die Fußgängerzone. Immer nur ein paar Meter, dann wird es aufgelöst und sie darf die Leinenlänge nutzen.
Warum?

Damit sie lernt, dass auf das Hörzeichen Fuß links vom Hundeführer so lange gegangen wird, bis es aufgelöst wird.

Thomas schrieb:
Anja schrieb:[quote="Anja"]
Beim letzten Mal, als wir auf dem Bahnhof waren, da war sie teilweise kaum bis gar nicht ansprechbar.
Warum sprecht ihr sie an, wenn sie Reize neu entdecken will?

Ansprechbar meinte ich eher im Übertragenen Sinne. Was ich damit ausdrücken wollte, ist die Tatsache, dass sie sich bei dem ersten Termin kaum und teilweise gar nicht an uns orientierte, stehen blieb, wenn wir das taten, sondern fiepste, quengelte und zog. Wir sprechen sie sehr selten bis gar nicht an.

LG Anja
[Bild: b18ft3cnd1u8rdgsa.jpg]
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#9
Thomas schrieb:
amazone schrieb:Ist das Klickertraining nicht gut?
Annette nicht für einen Servicehund

Den Grund dafür habe ich noch nicht verstanden. Ich würde mich sehr freuen, wenn Du das noch mal für Blondgesträhnte erklären könntest.

LG Anja
[Bild: b18ft3cnd1u8rdgsa.jpg]
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#10
Jo darauf wäre ich auch neugierig, ich bin ja dafür eigentlich gar nicht, ist mir persönlich zu aufwendig.
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